Zur Charakterisierung der wissenschaftlichen Tätigkeit von Professor W. W. Bolotow als Kirchenhistoriker
Professor Alexander Iwanowitsch Brilliantow

Kapitel I II III IV V VI VII
In den Reden, die anlässlich der Beisetzung von Wassili Wassiljewitsch Bolotow gehalten wurden, sowie in den Beileidsbekundungen, die die Akademie aus verschiedenen Kreisen wegen des schweren Verlustes erhielt, den die Wissenschaft durch seinen Tod erlitten hat, kam seinerzeit die unmittelbare Einschätzung seiner großen Bedeutung im allgemeinen Bewusstsein aller, die den verstorbenen Gelehrten kannten, deutlich zum Ausdruck. In den ihm gewidmeten Nachrufen wurden bereits teilweise die Hauptaspekte und wichtigsten Fakten seines wissenschaftlichen und literarischen Schaffens hervorgehoben und seine Verdienste um die Wissenschaft aufgezeigt1.
Eine vollständige Charakterisierung und genaue Würdigung von Wassili Wassiljewitsch als Wissenschaftler ist jedoch bislang nicht möglich. Die Möglichkeit dazu wird sich erst eröffnen, wenn sein wissenschaftliches Vermächtnis in seiner Gesamtheit bekannt gemacht und für die Forschung zugänglich gemacht wird. Doch selbst dann wird dies keine leichte Aufgabe sein. Wassili Wassiljewitsch ist eine solche Größe, dass man über ihn, so scheint es, das wiederholen kann, was über einen der von ihm am meisten geschätzten Wissenschaftler, Alfred von Gutschmid, vom Herausgeber dessen Schriften bemerkt wurde: Wenn er in einer Rede über sich selbst den Umfang und das Ziel seiner wissenschaftlichen Tätigkeit ganz genau definieren müsste, wie es beispielsweise bei der Aufnahme in die Berliner Akademie der Wissenschaften erforderlich ist, wäre er dadurch vielleicht selbst in eine schwierige Lage geraten. Zwar war für Wassili Wassiljewitsch das letztendliche Ziel seiner Tätigkeit, so könnte man sagen, konkreter definiert als für von Gutschmid; doch der Umfang ihrer Tätigkeit umfasste sogar einen Bereich, der weiterreichend war als die Tätigkeit des Letzteren. Er fühlte sich zu den unterschiedlichsten Wissenszweigen hingezogen und erreichte in ihnen, soweit es für sein Ziel erforderlich war, die Vollkommenheit eines Fachgelehrten. Es ist verständlich, welche Schwierigkeiten bei der Darstellung eines Gelehrten auftreten müssen, für den ein solcher wissenschaftlicher Universalismus nicht nur ein erstrebenswertes Ideal war, sondern in der Tat möglich war.
Der vorliegende Aufsatz hat zum Ziel, lediglich die allgemeinsten Züge im Bild von Wassili Wassiljewitsch als Gelehrter aufzuzeigen, und zwar als Vertreter jener Wissenschaft, die seine Berufung war und deren Erforschung er seine Kräfte widmete, wobei er offenbar alles in sich vereinte, was nötig war, um fast ohne Einschränkung ihr idealer Vertreter zu sein – der Kirchengeschichte. Die in gewissem Sinne vorzeitige Entstehung dieses Aufsatzes, deren unvermeidliche Folge sein allzu allgemeiner Charakter und seine Unvollständigkeit sind, mag vermutlich in der Notwendigkeit begründet sein, das Andenken an diesen großen Gelehrten zu ehren, wenn auch nur durch eine flüchtige und vorläufige Darstellung seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, ohne auf den – vielleicht noch fernen – Zeitpunkt zu warten, an dem es möglich sein wird, dies ausführlicher zu tun.
I.
Einem möglichst breiten Publikum dürfte Wassili Wassiljewitsch vor allem als Verfasser von Artikeln kirchengeschichtlichen Inhalts in der Zeitschrift „Christliche Lektüre“ bekannt gewesen sein. Gerade in diesen Artikeln fand sein wissenschaftlich-literarisches Schaffen im Allgemeinen seinen wichtigsten Ausdruck. Diese Artikel, ergänzt durch seine Magisterarbeit über Origenes, einige wenige weitere, nicht sehr umfangreiche Werke, die nicht in der „Christlichen Lektüre“ erschienen sind, verschiedene kurze, manchmal eher zufällig entstandene Notizen und schließlich offizielle Berichten und Rezensionen in den Sitzungsprotokollen des Akademierats, umfassen alles, was er in gedruckter Form hinterlassen hat.
Die Leser von „Christliche Lektüre“ wissen, wie die Artikel von Wassili Wassiljewitsch beschaffen sind. Man kann, so scheint es, getrost demjenigen misstrauen, der behaupten würde, er habe sie gelesen – und zwar mit Interesse und Verständnis –, anstatt sie aus Respekt vor der Autorität des Verfassers nur durchzublättern und flüchtig zu überfliegen; eine Ausnahme muss man für Fachleute machen, die man an einer Hand abzählen kann. Nicht nur beim durchschnittlichen, gewöhnlichen Leser, sondern sogar beim Leser von höchstem, wie Wassili Wassiljewitsch es ausdrückte, Niveau entsteht natürlich Verwunderung: Wozu braucht man so spezielle, nur wenigen zugängliche Untersuchungen? Wer Wassili Wassiljewitsch nicht näher kannte, könnte sich dabei fragen: Konnte der Autor wirklich nichts Interessanteres schreiben, und ist er nur in der Lage, sich mit irgendwelchen Details zu beschäftigen?
Wer jedoch andererseits die Vorlesungen von Wassili Wassiljewitsch gehört oder zumindest deren lithografierte Mitschriften gelesen hatte, dem musste wohl bewusst sein, was und wie genau Wassili Wassiljewitsch zu sagen pflegte – und dass es dabei nicht um Details ging. Wer darüber hinaus noch in direkten persönlichen Kontakt mit ihm zu wissenschaftlichen Fragen trat, bei dem konnte sich leicht eine geradezu begeisterte Haltung gegenüber diesem Gelehrten entwickeln, und es wäre ihm schwergefallen, einem anderen genau den Eindruck wiederzugeben, den Wassili Wassiljewitsch im persönlichen Umgang als Wissenschaftler hinterließ, genau wiederzugeben. Man konnte sich anschaulich davon überzeugen, dass seine – nach seinen Artikeln zu urteilen – offenbar allzu spezialisierte Gelehrsamkeit in Wirklichkeit auf einer außerordentlich breiten Grundlage beruhte und er sich mit gleicher Kompetenz den unterschiedlichsten Fragen widmen konnte und bereit war, alle möglichen Erläuterungen zu den Themen zu geben, die seinen Gesprächspartner interessierten. Offensichtlich hatte Wassili Wassiljewitsch, wenn er ganz anders hätte schreiben können und dennoch so schrieb, wie er schrieb, dafür völlig ausreichende Gründe.
Wassili Wassiljewitsch selbst gibt in einem Brief aus den letzten Jahren seines Lebens (1897), der nach seinem Tod in den „Twerskije Eparch. Vedomosti“ (1900, Nr. 11) abgedruckt wurde, eine Erklärung für den eigenwilligen Charakter seiner wissenschaftlich-literarischen Tätigkeit. Da er sich ganz der Wissenschaft verschrieben hatte, wollte er ausschließlich ein Diener der Wissenschaft sein, ein Wissenschaftler und Forscher im strengsten Sinne des Wortes, und lehnte die Aufgabe eines Popularisators gänzlich ab. Wie er in diesem Brief schreibt, hatte er sich bereits zu Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn zum Grundsatz gemacht, in der Presse nur mit dem zu erscheinen, was in der Wissenschaft etwas völlig Neues darstellt oder zumindest eine Korrektur des Alten, und hielt bis zum Schluss unbeirrt an diesem Grundsatz fest.
„Solange ich noch ganz jung war“, schreibt er, „wagte ich es nicht, Aufträge der „Älteren“ abzulehnen, und verfasste einige kurze Beiträge in „Christliche Lektüre“ und im „Kirchenblatt“, beschloss aber dann, fortan nur noch nach meinem eigenen Ermessen zu schreiben, d. h. in jedem Artikel etwas Neues (novum) beizusteuern, sei es eine neue These (thesis) oder eine neue Begründung für eine alte, und zwar, um: a) entweder gar nicht über das zu schreiben, worüber andere geschrieben hatten; b) oder gegen diese anderen zu schreiben, zumindest indem ich sie korrigierte und ergänzte. Auf diese Schiene habe ich mich bereits in meinem allerersten Artikel begeben: „Aus der Kirchengeschichte Ägyptens: Die Erzählungen des Dioscorus“ (Ende 1884) – ich glaube, ich bin in der gesamten folgenden Zeit kein einziges Mal davon abgewichen und hoffe, bis zu meinem Tod nicht davon abzuweichen. Er wusste, welchen beängstigenden und abstoßenden Eindruck seine Studien auf einfache Leser machen konnten und machten. Doch ihm waren auch die tatsächliche Bedeutung seiner Forschungen und deren Bewertung durch kompetente Richter bekannt – durch seine „Peers nach Stellung und Waffen“, wie er sie nannte, durch „Leser von höchstem Niveau“.
Die Popularisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse, die die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit dem allgemeinen Bewusstsein zugänglich macht, ist natürlich nicht nur grundsätzlich nicht verwerflich für die Wissenschaftler, die ihr ihre Arbeit und Zeit widmen, sondern auch für den allgemeinen Entwicklungsverlauf der Wissenschaft selbst notwendig. Wie brillant die Tätigkeit von Wassili Wassiljewitsch in dieser Richtung hätte sein können, belegen eindeutig seine Vorlesungen, in denen er nicht nur Neues und Eigenes, sondern auch das zu diesem Zeitpunkt in der Wissenschaft allgemein Bekannte vermitteln musste und in denen er als Dozent unweigerlich darauf achten musste, für sein Publikum verständlich zu sein.
Doch aufgrund seiner inneren Überzeugungen und der allgemeinen Ausrichtung seiner wissenschaftlichen Tätigkeit – soweit diese von ihm selbst bestimmt wurde und nicht durch äußere, bisweilen zufällige Umstände bedingt war – ist Wassili Wassiljewitsch der reinste Typ eines solchen Wissenschaftlers, der, auf der höchsten Stufe der modernen wissenschaftlichen Entwicklung stehend, all seine Bestrebungen darauf richtet, dieses Niveau noch weiter anzuheben und den Umfang des Erkennbaren zu erweitern, ohne das, was von anderen gewonnen und gesagt wurde, nur mit anderen Worten zu wiederholen. Genau so tritt er überall in seinen für den gewöhnlichen Leser so schwer zugänglichen Artikeln in Erscheinung.
Wir haben es somit in Wassili Wassiljewitsch mit einem Wissenschaftler und Forscher zu tun, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Zielen der reinen Wissenschaft zu dienen, und der diese Aufgabe mit einer idealen Strenge erfüllt hat, die bis zum Rigorismus reichte.
II.
Gegenstand seiner wissenschaftlichen Arbeit war für Wassili Wassiljewitsch die Kirchengeschichte der Antike, deren Professor er an der Akademie war. Bei aller Breite und Vielseitigkeit seiner wissenschaftlichen Interessen laufen sie letztendlich alle auf dieses Fach als ihren Mittelpunkt hinaus. Er war nicht nur deshalb ein Kirchenhistoriker, weil er den Lehrstuhl für dieses Fach innehatte: Ihn als Kirchenhistoriker zu bezeichnen, bedeutet, eine solche Definition in seiner Charakteristik anzugeben, um die sich alle anderen Funktionen seiner wissenschaftlichen Tätigkeit gruppieren und der sie untergeordnet sind.
Man muss nur einen Blick auf das Verzeichnis seiner Werke werfen, um zu erkennen, worauf seine Aufmerksamkeit letztendlich stets gerichtet war. In diesen Werken, in den Anmerkungen dazu und in Exkursen verschiedener Art konnte er eine Fülle neuer Erkenntnisse zu verschiedenen Fachgebieten vermitteln. Doch das Hauptthema all seiner mehr oder weniger umfangreichen Forschungen bildeten kirchengeschichtliche Fragen.
Derselbe Eindruck ergab sich auch im persönlichen Umgang mit ihm. „Es genügte“, so W. S. Solowjow, „Bolozow zwei- oder dreimal zu sehen und mit ihm zu sprechen, um in ihm einen Menschen zu erkennen, der sich ganz und gar einem einzigen Dienst verschrieben hatte. Die kirchengeschichtliche Wissenschaft im weitesten Sinne des Wortes – mit all ihren angrenzenden Wissensgebieten – war für ihn das Einzige, was Interesse und Bedeutung hatte; alles andere war ihm fremd. Als zutiefst religiöser Mensch mit streng christlichen Überzeugungen fand er in der Kirchengeschichte den wahren Lebensraum für alles, was wirklich wichtig war, und nur durch diesen Lebensraum, durch die Reflexion an ihm oder die Brechung in ihm erschienen ihm alle anderen Angelegenheiten und Fragen als beachtenswert.“
Für diese Wissenschaft bildet sich aus ihm, dank seiner brillanten Fähigkeiten, des allgemeinen Verlaufs seiner Ausbildung und schließlich seiner persönlichen, auf ein einziges Ziel gerichteten Anstrengungen, bei seiner strengen Auffassung von den Pflichten eines Gelehrten, ein Gelehrter heraus, den man ohne Übertreibung als ideal bezeichnen kann.
Als Wissenschaftler, der in höchstem Maße jene Vorbereitung, Fähigkeiten und Kenntnisse in sich vereint, die üblicherweise mehr oder weniger als notwendig für jemanden angesehen werden, der sich den Beschäftigungen auf dem genannten Gebiet widmet, bringt er noch ganz besondere Züge in das Ideal des kirchengeschichtlichen Forschers ein: seine mathematische Denkweise und seine mathematischen Kenntnisse. Zur Breite und Gründlichkeit seines wissenschaftlichen Wissens gesellt sich eine an Kunst grenzende Fähigkeit zur wissenschaftlichen Kreativität.
III.
An einen Kirchenhistoriker werden aufgrund des Wesens des von ihm behandelten Gegenstands in gewisser Weise höhere Anforderungen gestellt, als sie an einen Geschichtswissenschaftler gestellt werden. Während dem Letzteren nichts Menschliches – humanum – fremd sein darf, darf dem Ersteren auch das Göttliche – divinum – nicht fremd sein, soweit es sich in der positiven Offenbarung manifestiert hat und vom Denken und Leben der Menschheit während der gesamten historischen Existenz der christlichen Kirche verinnerlicht wurde. Mit anderen Worten: Der Kirchenhistoriker kann die Geschichte der Kirche nicht darlegen, ohne zugleich Theologe zu sein. Fundierte Kenntnisse der christlichen Dogmatik sind für ihn unbedingt erforderlich, da die Geschichte der Dogmatik ein wesentlicher Bestandteil der Kirchengeschichte ist. Ist er kein Theologe, steht er seinem Gegenstand untergeordnet und irrt sozusagen am Rande des kirchlichen Lebens umher, ohne dessen Zentrum zu berühren. Im Gegenteil: Je höher sein theologischer Standpunkt ist, je tiefer seine Kenntnisse in der Theologie sind, desto besser wird er in der Lage sein, das innere Wesen des kirchlichen Lebens richtig zu verstehen. Das ist die wichtigste Anforderung an einen Kirchenhistoriker, an deren Erfüllung sich in erster Linie messen lässt, inwieweit er sich dem Ideal annähert.
Wassili Wassiljewitsch dringt mit seiner ersten wissenschaftlichen Arbeit, der Dissertation „Die Lehre des Origenes über die Heilige Dreifaltigkeit“ (1879), in den Kern der christlichen Theologie vor und erreicht den höchsten Punkt auf dem Gebiet der theologischen Spekulation2. Die Lehre von der Heiligen Dreifaltigkeit ist das zentralste und grundlegende Dogma des Christentums. Origenes’ Spekulation stellt nicht nur den Höhepunkt in der Geschichte der christlichen Theologie der ersten drei Jahrhunderte dar, sondern auch Origenes’ unter dem Einfluss der neuplatonischen Philosophie entstandene Vorstellung von der Gottheit gehört zu den höchsten: Gott wird bei Origenes nicht nur als bedingungslos einfaches Wesen verstanden, in dem alle Bestimmungen sich gegenseitig ineinander durchdringen, sondern auch als ein Wesen, das über alle qualitativen Bestimmungen hinausgeht, obwohl es zugleich lebendig ist. Angesichts der Abweichungen in Einzelheiten der Lehre des Origenes über die Dreifaltigkeit vom genauen orthodoxen Lehrsatz, wie er später auf dem Ersten Ökumenischen Konzil festgelegt wurde, war die Klärung des wahren Sinns und Charakters dieser Lehre, des sogenannten Subordinatianismus des Origenes, eine äußerst schwierige Aufgabe.
Als Bestätigung dafür, wie erfolgreich diese Aufgabe von Wassili Wassiljewitsch gelöst wurde, kann darauf hingewiesen werden, dass Prof. I. E. Troizki seiner Dissertation den Rang einer Doktorarbeit zuerkannte. Nach der Einschätzung des Philosophen W. S. Solowjow „erläutert Bolotow darin auf hervorragende Weise die charakteristischen Merkmale des Origenes’schen Subordinatianismus und bewertet sie aus theologischer Sicht gerecht“. Im gesamten Werk bewegt sich Wassili Wassiljewitsch mit größter Leichtigkeit im Bereich der abstraktesten Definitionen und kaum wahrnehmbaren Nuancen des Denkens, sodass es einem Leser, der nicht speziell vorbereitet ist und sich zuvor nicht für das Thema interessiert hat, schwierig und ermüdend erscheinen mag, dem Autor zu folgen und sich auf den Höhen zu halten, auf die dieser ihn führt, obwohl es für jeden leicht zu erkennen ist, wie der klare Verstand des Autors hier überall Klarheit schafft.
Die enge Verbindung der Spekulation des Origenes zur neuplatonischen Philosophie veranlasste Wassili Wassiljewitsch, sich auch mit dieser Philosophie vertraut zu machen, deren Lehre von den Grundlagen des Seins er in seinem Buch darlegt. Was Origenes betrifft, so führt ihn der von ihm für die Untersuchung gewählte Ausgangspunkt in dessen System naturgemäß dazu, die Ansichten des Origenes in ihrer Gesamtheit zu studieren. Und diese Ansichten stellen eigentlich das erste System der christlichen Gnosis dar, den ersten Versuch, Glauben und Vernunft, Theologie und Philosophie in einer ganzheitlichen Weltanschauung zu vereinen. Die Folge dieses Studiums sollte die Weite der theologischen Ansichten von Wassili Wassiljewitsch im Allgemeinen und sein Interesse an anderen ähnlichen spekulativen Konstruktionen sein. Ehemalige Hörer von Wassili Wassiljewitsch wissen, mit welchem Interesse und sogar welcher Begeisterung er beispielsweise in seinen Vorlesungen die antiken gnostischen Systeme darlegte – nicht so sehr unter ihrem religiös-theologischen, sondern vielmehr unter ihrem poetisch-philosophischen Charakter, und dabei versuchte er, ihren tatsächlichen philosophischen Sinn zu ergründen und sie aus spekulativer Sicht zu bewerten.
Das Dogma der Heiligen Dreifaltigkeit betrachtet Vasilii Wassiljewitsch, indem er die Lehre des Origenes zu dieser Frage im Allgemeinen in ihrem historischen Werdegang in der alten Kirche untersucht, um das Verhältnis des Origenes zu seinen Vorgängern zu bestimmen und die Geschichte sowie die Bewertung seiner Lehre in späteren Zeiten darzustellen. Angesichts der bekannten Berührungspunkte zwischen der Lehre des Origenes und der arianischen Lehre macht er bereits damals auch den Arianismus zum Gegenstand einer sorgfältigen Untersuchung.
Ein weiteres Hauptdogma des Christentums neben der Dreifaltigkeitslehre ist die Lehre von der Menschwerdung des Sohnes Gottes, die sich im Zuge der nestorianischen und monophysitischen Kontroversen herauskristallisierte.
Auch auf das spezielle Gebiet der Christologie gelangte Wassili Wassiljewitsch schon sehr früh. Die Geschichte des Nestorianismus studierte er anhand der Primärquellen bereits als Student im vierten Studienjahr (1878–79). Die historisch-literarische Entdeckung, die er im Zuge dieser Studien in den Jahren 1880–81 machte und die bezeugt, wie aufmerksam er sich mit diesem Thema auseinandergesetzt hatte, veranlasste ihn, sich für längere Zeit mit diesen Themen zu beschäftigen. Bei ihm war bereits alles vorbereitet, um 1885 oder 1886 eine Doktorarbeit zu einem Thema aus der Geschichte der untersuchten Epoche einzureichen, nämlich über die wichtigste Quelle zur Geschichte des Nestorianismus, bekannt unter dem Namen „Synodicon Lupi“, und deren Verfasser Rusticus.
Diese Tatsache wurde erst nach dem Tod von Wassili Wassiljewitsch allgemein bekannt. In seinen Unterlagen wurden zwei Dokumente gefunden, die gewissermaßen als wissenschaftliche Vermächtnisse für den Fall seines Todes zu betrachten sind und deren Ziel es war, seine Entdeckung für die wissenschaftliche Welt zu bewahren. In dem einen, das aus den frühen 90er Jahren stammt, wird diese Entdeckung kurz begründet; im anderen, früheren Dokument, wird ein Schlüssel zu den gesammelten Materialien gegeben.
„Wären da nicht die bekannten Umstände gewesen“, heißt es im ersten davon, „dann wäre, so glaube ich, Ende 1885/Anfang 1886 Folgendes geschehen: Der Dozent der Geistlichen Akademie St. Petersburgs, V. Bolotow, hätte zur Erlangung des Doktorgrades der Theologie eine Abhandlung mit dem Titel „Rusticus, Diakon der römischen Kirche, und seine Schriften“ eingereicht und sie wahrscheinlich öffentlich verteidigt. „Der Hauptthese“, so heißt es weiter, „misst der Autor eine gewisse wissenschaftliche Bedeutung bei.“ In den „Opera“ des Theodoret wird im 5. Band üblicherweise das „Synodicon Lupi“ abgedruckt, die Hauptquelle für die Geschichte der Jahre 430–435 (der Nestorius-Fall). Der Verfasser des Synodikon ist anonym, ein der Wissenschaft unbekannter Autor. Mir ist es, glaube ich, gelungen aufzudecken, dass dieser Unbekannte niemand anderes als der Neffe des Vigilius ist, der Diakon Rusticus. – Es ist nicht ganz einfach, in der alten Kirchengeschichte, die von allerlei ‚Lehrbüchern‘ zermürbt ist, etwas Neues zu sagen, und ich habe beschlossen, Rusticus als Fortsetzung meiner Arbeit über Origenes zu wählen.“
Wassili Wassiljewitsch hielt es aus den einen oder anderen Gründen nicht für notwendig, seine Absicht bezüglich der Erlangung des Doktorgrades in die Tat umzusetzen (dieser wurde ihm 1896, ohne dass er ihn beantragt hatte, für andere Arbeiten verliehen), und veröffentlichte die Ergebnisse seiner Forschungen zu Lebzeiten nicht. Einmal, Ende der 80er Jahre, wie er selbst in dem Dokument berichtet, aus dem die oben zitierten Worte stammen, sandte er Prof. A. P. Lebedew ein lateinisches Anagramm:
„Salve, secunde comes, per cunctos saeculi laeti
„Annos, ymni memor Cretici!‚ Odi, o Cassi!‘“
Das Anagramm ist aus folgendem Satz gebildet: „Synodi Cassinensis collectorem esse Rusticum, Romanae ecclesiae diaconum, puto.“ Wahrscheinlich wartete er auf einen mehr oder weniger günstigen Zeitpunkt, um die gesammelten Materialien, die nach seinen eigenen Worten nur als „disjecta membra“ zurückgeblieben waren, endgültig auszuarbeiten und seine Schlussfolgerungen bekannt zu machen. Die Geschichte des Nestorianismus hätte dann zweifellos unter seiner Feder eine vollständige und umfassende Darstellung erfahren.
Seine dogmatisch-historischen Kenntnisse auf diesem Gebiet musste er in jüngster Zeit bei der Wiedervereinigung der syrisch-chaldäischen Christen mit der orthodoxen Kirche im Jahr 1898 in die Praxis umsetzen. Damals redigierte er die dogmatischen Formeln für die Wiedervereinigten und fungierte generell als wissenschaftlicher Leiter in dieser Angelegenheit.
Es erübrigt sich gar zu erwähnen, dass er neben dem Nestorianismus auch den Monophysitismus mit seiner Dogmatik studierte. Diesem dogmatischen Gegenpol des Nestorianismus musste Wassili Wassiljewitsch sowohl in seinen Vorlesungen als auch in seinen gedruckten Werken sogar weitaus mehr Raum einräumen als dem Nestorianismus, da er im Vergleich zum Nestorianismus insgesamt von größerer historischer Bedeutung war und er sich speziell mit der Geschichte der monophysitischen Kirchen befasste: der koptischen und der äthiopischen. Theologische Streitfragen, z. B. in der äthiopischen Kirche, die auf monophysitischem Boden entstanden waren, vor allem Streitfragen zur „Salbung“ Christi – ein Thema, das, wie Wassili Wassiljewitsch anmerkte, „nicht nur eine Seite in einem Buch eines tiefgründigen Dogmatikers und Denkers einnehmen könnte“ – waren Gegenstand einer besonderen Untersuchung seinerseits.
Generell waren sowohl der Nestorianismus als auch der Monophysitismus für Wassili Wassiljewitsch – da seine wissenschaftlichen Interessen ihn in direkten Kontakt mit zeitgenössischen Vertretern dieser alten Häresien brachten – nicht bloß eine überholte historische Tatsache der Vergangenheit: Er musste sich mit ihnen und ihrer Dogmatik als einem bis zu einem gewissen Grad noch lebendigen Phänomen auseinandersetzen, und zwar gerade als Theologe – als Vertreter der orthodoxen Kirche.
Im Jahr 1898 trat Wassili Wassiljewitsch in der Presse als ostorthodoxer Theologe in Erscheinung und äußerte sich zu einer dogmatischen Frage, die das Verhältnis der ostorthodoxen Theologie zur Theologie des nichtorthodoxen katholischen Westens betraf. In der altkatholischen Zeitschrift „Internationale theologische Zeitschrift“ erschien in jenem Jahr sein Artikel in deutscher Sprache: „Thesen über das Filioque. Von einem russischen Theologen“. Diese „Thesen“ waren eigentlich das Ergebnis der Tätigkeit des Autors in der Kommission, die bereits 1892 eingerichtet worden war, um die Bedingungen für die Wiedervereinigung der Altkatholiken mit der Russischen Kirche zu klären. Der Artikel ist sowohl hinsichtlich des darin dargelegten allgemeinen Standpunkts als auch hinsichtlich der Klarheit der Darstellung einer der schwierigsten theologischen Fragen bemerkenswert, die bis heute Gegenstand von Kontroversen zwischen dem Osten und dem Westen ist. Es ist verständlich, dass der Autor der „Lehre des Origenes über die Heilige Dreifaltigkeit“ durchaus darauf vorbereitet gewesen sein könnte.
Interessant sind vor allem die allgemeinen Erläuterungen des Autors zum Wesen und zur Bedeutung der Theologie. Von den Dogmen, die für alle gleichermaßen verbindlich sind, unterscheiden sich hier die theologischen Meinungen, über die Uneinigkeit herrschen kann; Dogmen sind notwendig, Meinungen stellen eine Art wissenschaftlichen Luxus dar. Zwischen den Meinungen muss ferner unterschieden werden zwischen den Meinungen der Heiligen Väter (θεολογούμενα) einerseits und den Meinungen aller anderen Theologen andererseits. In Russland verspüren entsprechend dem allgemeinen Stand der kulturellen Entwicklung noch sehr wenige das Bedürfnis, neben dem Dogma auch theologische Meinungen zu haben. Wenn aber die russische theologische Wissenschaft im Laufe der Zeit ihre eigenen Meinungen entwickeln soll, muss sie dabei von den Meinungen der Heiligen Väter ausgehen.
Im Zusammenhang mit dem Gegenstand der weiteren Betrachtung wird daher eine Analyse verschiedener Aussagen der Kirchenväter über das Verhältnis des Heiligen Geistes zum Vater und zum Sohn vorgeschlagen. Daraus lässt sich schließen, dass es ein fast allgemeiner theologischer Konsens der östlichen Kirchenväter, insbesondere der alexandrinischen Schule – mit Ausnahme der antiochenischen – darin besteht, dass der Heilige Geist vom Vater durch den Sohn (ôι’ ϒἱοῦ) ausgeht. Diese Auffassung unterscheidet sich von der westlichen augustinischen Auffassung (die weniger ein theologisches als vielmehr ein philosophisches Konzept ist) über den Ausgang des Heiligen Geistes vom Vater und vom Sohn (ex Patre et Filioque), wobei letztere weniger fundiert ist. Da jedoch beide innerhalb des Bereichs der Meinungen bleiben, stellt der Unterschied zwischen ihnen kein unüberwindbares Hindernis (impedimentum dirimens) für die Wiedervereinigung dar. Der wahre Grund für die Spaltung des einheitlichen katholischen Christentums war das Papsttum, dieser, wie der Autor es ausdrückt, „alte Erbfeind der katholischen Kirche, der jedoch vielleicht erst dann aufhören wird zu existieren, wenn auch der letzte Feind – der Tod – abgeschafft ist“.
Aus all dem geht klar hervor, dass Wassili Wassiljewitsch vor allem als Gelehrter ein äußerst kompetenter Theologe ist, für den der Bereich der höchsten Fragen der theologischen Spekulation, der an Bereich der Philosophie, ihm völlig offen, ja man könnte sagen, ein ihm vertrautes Gebiet war. Da er selbst auf einem hohen theologischen Standpunkt stand, konnte er als Kirchenhistoriker die Geschichte des kirchlichen Lebens in ihren höchsten und wesentlichsten Erscheinungsformen verstehen und erforschen.
IV.
Wenn der Kirchenhistoriker im Gegensatz zum weltlichen Historiker unbedingt Theologe sein muss und ihm das „Göttliche“ nicht fremd sein darf, so muss ihm zugleich nicht weniger als diesem das gesamte Menschliche zugänglich sein; das Göttliche selbst, die übernatürliche Offenbarung – offenbart sich und wird zugänglich in natürlichen, menschlichen Formen. Der Zugang zu den Werken des menschlichen Geistes, zu seinen Äußerungen in der Vergangenheit, eröffnet sich dem Historiker durch philologische Gelehrsamkeit im weitesten Sinne, und diese ist für den Kirchenhistoriker ebenso notwendig wie für den weltlichen Historiker.
Je weiter dabei die vom Historiker untersuchte Epoche zeitlich von ihm entfernt ist, desto mehr muss er sozusagen ein Philologe sein. Dem Historiker der Neuzeit, dem eine größere Fülle an Quellen zur Verfügung steht, bleibt oft nichts anderes übrig, als großzügig das Nötige daraus zu schöpfen, und aufgrund ihrer zeitlichen Nähe sind diese Quellen für ihn leichter verständlich. Der Historiker der Antike befindet sich hinsichtlich seiner Quellen in einer anderen Lage: Er muss alle möglichen bruchstückhaften Angaben aus den unterschiedlichsten Quellen zusammentragen und dafür seine Aufmerksamkeit vor allem auf die umfassende Erforschung dieser Quellen richten. Als Fachhistoriker muss er zugleich Enzyklopädist – Philologe – sein.
Inwieweit Wassili Wassiljewitsch als Vertreter der Kirchengeschichte, und zwar der antiken (wie dieses Fach früher in der akademischen Satzung bezeichnet wurde), der genannten Anforderung an philologische Gelehrsamkeit gerecht wurde, darüber muss man vor denen, die zumindest eine gewisse Vorstellung von ihm als Gelehrtem haben, kaum ausführlich sprechen. Zu seiner Kompetenz als hoch angesehener Theologe gesellt sich sein Ruf als erstklassiger, durch sein Wissen beeindruckender und äußerst vielseitiger Sprachwissenschaftler, der auf dem festen wissenschaftlichen Fundament der vergleichenden Sprachwissenschaft steht.
Von den europäischen Sprachen las er neben den alten – Griechisch und Latein – und den allgemein bekannten neuen – Deutsch, Französisch, Englisch und Italienisch – nach eigenen Angaben auch noch Niederländisch, Dänisch-Norwegisch und Portugiesisch. Sein Interesse als Sprachwissenschaftler und Historiker an anderen europäischen Sprachen – teils ausgestorbenen (Gotisch, Keltisch), teils noch lebendigen – sowie seine mehr oder weniger umfassende Vertrautheit mit ihnen lassen sich anhand seiner Artikel und seiner Bibliothek belegen.
Seine herausragendste Besonderheit bestand in diesem Fall jedoch in der Beherrschung orientalischer Sprachen, sowohl jener, die für die Kirchengeschichte von unmittelbarer Bedeutung waren, als auch jener, die im Hinblick auf die Vollständigkeit und Fundiertheit sprachwissenschaftlicher Erkenntnisse in den entsprechenden Bereichen notwendig waren. Die semitische Sprachfamilie war ihm in all ihren Hauptzweigen bekannt; neben dem Hebräischen beherrschte er Syrisch, Arabisch und Äthiopisch, letzteres zudem in zwei Varianten: nicht nur das alte Liturgische (Ghyyz), sondern auch die sich davon stark unterscheidende neue Umgangssprache (Amharisch – Amarynya); mehr oder weniger vertraut war er auch mit dem schwierigen Gebiet der assyrisch-babylonischen Keilschrift. Er gehörte zu den besten Spezialisten für die koptische Sprache, deren Studium ihn im Zusammenhang mit der ägyptischen Geschichte insgesamt auch auf das Gebiet der altägyptischen Sprache und der Hieroglyphenschrift führte. Er war gut mit der armenischen Sprache vertraut, teilweise auch mit dem Persischen in seinen verschiedenen Formen (alte Keilschrift, das sogenannte „Zend“, und Neupersisch); auch Sanskrit war ihm nicht fremd.
„Als meine Ernennung zum Lehrstuhlinhaber erfolgte“, schreibt Wassili Wassiljewitsch selbst in dem oben erwähnten Brief (1897), „gab ich mir ein Versprechen, an das ich mich bis heute unerschütterlich halte. Über Kirchengeschichte wird geradezu übermäßig viel geschrieben. Es ist physisch unmöglich, alles Geschriebene durchzulesen. Einige Bücher und insbesondere Artikel sind unzugänglich, weil sie sehr teuer sind. Aber – so beschloss ich – ich werde mich keinesfalls damit entschuldigen, dass ein für die Wissenschaft wichtiges und mir (finanziell) zugängliches Buch in einer Sprache verfasst ist, die ich nicht verstehe. Nach diesem Grundsatz habe ich mir die Sprachen der Primärquellen der antiken Kirchengeschichte als verbindlich auferlegt: Griechisch, Latein, Syrisch, Arabisch, Koptisch, Äthiopisch und Armenisch“. Mit Syrisch und Arabisch war Wassili Wassiljewitsch, wie er selbst sagt, bereits während seiner Zeit am Priesterseminar vertraut (nach Fessler, „Institutiones“); die übrigen Sprachen erlernte er später. Auf die Frage: „Wie viele Sprachen beherrscht er?“, konnte er daher antworten, dass er „im Allgemeinen jene Sprachen beherrscht, die für das Studium der alten Kirchengeschichte erforderlich sind“.
Die Sprache dieses oder jenes Volkes ist mehr oder weniger ein Abbild der psychischen Besonderheiten des Volkes, trägt Spuren seines historischen Schicksals in sich und spiegelt den allgemeinen Stand der Kultur zu jedem gegebenen Zeitpunkt wider. Die Kenntnis einer Sprache kann nur dann vollkommen sein, wenn sie gerade als Mittel zur Manifestation des geistigen Lebens eines Volkes verstanden und im Zusammenhang mit dessen Geschichte und Kultur studiert wird, wenn Grammatik und Wortschatz der Sprache für den Lernenden keine leblose Ansammlung von Formen und Vokabeln sind, die das Gedächtnis belasten, sondern als ein von innerer Bedeutung erfülltes, anschauliches Zeugnis und eine Erinnerung an Menschen, die einst gelebt und gewirkt haben, an ihre Interessen und die Ideen, die sie beseelten; d. h., wenn dem Sprachenlernen ein historischer Charakter und historische Ziele verliehen werden und die Philologie letztlich der Geschichte dient.
Genauso gestaltete sich das Sprachenlernen bei Wassili Wassiljewitsch. Es war für ihn von besonderem Interesse und war nicht allein eine Leistung seines phänomenalen Gedächtnisses, da es stets mit umfassenden Kenntnissen historischer Fakten und kultureller Zusammenhänge verbunden war und immer ein Mittel darstellte, um in das Innenleben, die Literatur und die Geschichte eines Volkes einzudringen. Als Vorbild für sein Sprachenstudium diente ihm der bekannte Orientalist de Lagarde. Dank seiner Kenntnisse der orientalischen Sprachen konnte Wassili Wassiljewitsch in solchen Bereichen der Kirchengeschichte arbeiten, die vor ihm in Russland kaum wissenschaftlich erforscht worden waren und auch im Westen nicht allzu viele Menschen interessieren. Informationen über seine Verdienste in dieser Hinsicht sowie über seine Werke zur Kirchengeschichte der Kopten, Abessinier und Syrer – in den drei Bereichen der Orientalistik: hamitisch, semitisch und iranisch – finden sich in seinem Nachruf, der aus der Feder des Orientalisten B. A. Turaev stammt.
V.
Hervorragend ist bereits die Verbindung einer spezifisch theologischen Ausbildung mit philologischer Gelehrsamkeit in jenem Ausmaß an Tiefe der ersteren und an Breite und Gründlichkeit der letzteren, wie wir sie bei Wassili Wassiljewitsch sehen. Die Fähigkeit, sich in den Bereich der spekulativen, theologischen oder philosophischen Betrachtung zu erheben, lässt sich nicht immer mit der Fähigkeit zum Studium der konkreten Wirklichkeit vereinbaren; Interessen in der einen Richtung entwickeln sich gewöhnlich auf Kosten der Interessen in der anderen. Bei Wassili Wassiljewitsch stand das eine dem anderen nicht im Wege. Doch zu den genannten Eigenschaften im Bild dieses vielseitigen Gelehrten gesellt sich unerwartet noch eine neue, ganz besondere, die ihn in einem neuen Licht erscheinen lässt.
Neben dem Bereich der spezifisch theologischen Wissenschaften und neben der Philologie, deren Gegenstand die Äußerungen des menschlichen Geistes sind, gibt es noch einen besonderen Wissensbereich – den der äußeren Natur. Das wichtigste Forschungsinstrument in diesem Bereich ist neben der Erfahrung die Mathematik, und ein charakteristisches Merkmal der hier gewonnenen Erkenntnisse ist ihre Genauigkeit, obwohl de facto auch in diesem Bereich noch längst nicht alles mathematisch erfassbar ist. Theologen wenden sich gelegentlich diesem Bereich zu, hauptsächlich aus apologetischen Gründen. Auch Vertreter der historisch-philologischen Wissenschaften müssen sich von Zeit zu Zeit an die reinen mathematischen Wissenschaften wenden, um Hilfe zu erhalten. Doch in der Regel ist dies für die einen wie für die anderen eigentlich ein fremdes Gebiet, das scharf von ihrem jeweiligen Fachgebiet abgegrenzt ist.
Für den universellen Geist von Wassili Wassiljewitsch hingegen ist auch dies nicht nur ein völlig offenes Gebiet, sondern ein Gebiet, zu dem er sich sogar besonders hingezogen fühlt, gerade weil die Mathematik ihr Werkzeug ist und weil in ihr exakte Erkenntnisse möglich sind. Als tiefgründiger Theologe und vielseitiger Philologe erweist er sich zugleich, überraschenderweise, aufgrund seiner Fähigkeiten und Neigungen gewissermaßen als geborener Mathematiker.
Für den Historiker gilt die Chronologie als unverzichtbare Hilfswissenschaft; chronologische Untersuchungen erfordern jedoch zwangsläufig Kenntnisse der astronomischen Grundlagen der Zeitrechnung sowie verschiedener mathematischer Verfahren. Doch es bedarf sowohl der Fähigkeit als auch einer besonderen Neigung, damit der Historiker sich dazu entschließt, eigenständig auf diesem Gebiet zu arbeiten.
„Die Chronologie ist im Grunde genommen“, so die Worte Wassili Wassiljewitsch selbst, „eine Wissenschaft und Kunst, die so schwierig ist, dass es in diesem Bereich nur wenige Interessierte und noch weniger kompetente Personen gibt.“ Auch im Westen ziehen es Geschichtsprofessoren manchmal vor, sich bei Bedarf an ihre Kollegen aus der Astronomie zu wenden, wobei sie damit natürlich nicht immer ihre Ziele erreichen. Es ist jedoch bekannt, welch brillanter Spezialist auf dem Gebiet der Chronologie Wassili Wassiljewitsch war. Als allgemein anerkannte Autorität mit höchster Kompetenz in dieser Hinsicht trat er in seinen letzten Lebensjahren als Mitglied der Kommission zur Kalenderreform (1899–1900) in Erscheinung, als er die übrigen Mitglieder der Kommission durch seine phänomenale Gelehrsamkeit beeindruckte und maßgeblich an der Ausarbeitung der Frage beteiligt war.
Für Wassili Wassiljewitsch jedoch waren seine Beschäftigungen mit der Chronologie nicht bloß durch die Notwendigkeit der Chronologie für die Geschichte, sondern waren auch Ausdruck seiner mathematischen Denkweise. Dies wird durch weitere Fakten deutlich belegt. Als Hilfswissenschaft bedient sich die Geschichte zudem der Geographie, da die historischen Ereignisse, mit denen sie sich befasst, stets nicht nur einem bestimmten Zeitpunkt, sondern auch einem bestimmten Ort zugeordnet werden. Gewöhnlich greifen Historiker auf geographische Daten nur aus historisch-philologischer Sicht und aus diesem Interesse heraus zurück; eine andere Herangehensweise wird in diesem Fall fast gar nicht in Betracht gezogen.
Wassili Wassiljewitsch – und darin liegt seine charakteristische Besonderheit – nähert sich diesen Daten aus mathematischer Sicht. So wie die mathematische Astronomie die Grundlage der Chronologie bildet, legt er auch seinen Operationen mit geographischen Daten, mit denen er in der Geschichte zu tun hat, die höhere Geodäsie zugrunde und führt auch hier mathematische Verfahren ein. In historischen Abhandlungen werden bei der Erwähnung der einen oder anderen Begebenheit in den entsprechenden Fällen üblicherweise deren chronologische Daten angegeben: Jahr, Monat, Tag. Wassili Wassiljewitsch hielt es in seinen Forschungen für notwendig, bei der Erwähnung bestimmter Orte deren geografische Koordinaten genau anzugeben: Breiten- und Längengrad in den entsprechenden Bezeichnungen. Dies war keineswegs Ausdruck eines nutzlosen wissenschaftlichen Pedantismus seinerseits; im Gegenteil, er war der entschiedenste Feind alles Überflüssigen und Unnötigen in wissenschaftlichen Abhandlungen, das der Wissenschaft nichts Neues bringt. Für ihn waren solche mathematisch genauen Bestimmungen geradezu unverzichtbar, da sie sich in seinen Händen als die solideste Grundlage für historische Schlussfolgerungen erwiesen. In seinen Forschungen, insbesondere in jüngerer Zeit (in den Artikeln über die syrisch-persische Kirche), stößt man sehr häufig auf Schlussfolgerungen, die auf der Bestimmung der geografischen Koordinaten, der Breite und Länge verschiedener Orte sowie auf komplexen Berechnungen sogenannter Azimute und Luftbögen beruhen. Derartige Methoden stellen offenbar etwas Neues in der Geschichtswissenschaft dar und versprechen in bestimmten Fällen mathematische Genauigkeit der Ergebnisse.
Doch die mathematischen Neigungen von Wassili Wassiljewitsch kamen nicht nur in der genannten Beziehung zur Chronologie und Geographie zum Ausdruck, sondern auch in seinem Streben nach einer mathematisch genauen Messung von Zeit und Raum und der Bestimmung der Lage von Dingen in ihnen. Sein Interesse galt allem, was sich mathematisch genau messen und bestimmen lässt, oder, besser gesagt, allen Arten von Verfahren zur genauen Messung, auf welchen Bereich sie sich auch immer bezogen. Die Metrologie im Allgemeinen – sowohl in ihrer Geschichte als auch in ihrem heutigen Stand – war ein Gebiet, auf das seine Aufmerksamkeit stets gerichtet war und zu dem er stets bereit war, alle erforderlichen Auskünfte zu erteilen. Sein lebhaftes Interesse galt beispielsweise den wissenschaftlichen Arbeiten der „Hauptkammer für Maße und Gewichte“, die seit 1894 unter der Leitung und mit unmittelbarer Beteiligung des bekannten Wissenschaftlers Prof. D. I. Mendelejew, des Leiters der „Kammer“, durchgeführt wurden. Mit Interesse wandte er sich als Metrologe auch der in letzter Zeit lebhaft diskutierten Frage des Münzumlaufs in Russland zu.
Schließlich verfolgte Wassili Wassiljewitsch als geborener Mathematiker natürlich seine eigenen Interessen, soweit es ihm seine fachlichen Verpflichtungen erlaubten, und ging über Fragen der in diesem oder jenem Sinne angewandten Mathematik hinaus, um sich für Probleme der reinen Mathematik zu interessieren. In seiner Bibliothek findet man nicht nur Bücher und Nachschlagewerke (Tabellen) verschiedener Art zur Chronologie und Astronomie, nicht nur – für einen Historiker eher ungewöhnliche – Handbücher zur sphärischen Trigonometrie und zur Geodäsie (wie etwa das Handbuch von Witkowski, Graves’ Buch „Über die grundlegenden Aufgaben der mathematischen Theorie der Kartenerstellung“), nicht nur Abhandlungen zur Metrologie, sondern auch eine Abhandlung, z. B. von Weierstrass über die „Transzendenz der Ludolfschen Zahl“, „Philosophie der Mathematik“ von Freisine sowie verschiedene Abhandlungen von Bunyakovsky und Tschebyschew. Um sich ein anschauliches Bild von der sozusagen „Liebe“ Wassili Wassiljewitschs zu Zahlen zu machen, muss man in den von ihm hinterlassenen Unterlagen Dutzende von Seiten sehen, die mit Spalten aus zwanzigstelligen, manchmal fast dreißigstelligen Zahlen bedeckt sind.
Und diese mathematischen Neigungen und Kenntnisse Wassili Wassiljewitschs standen bei ihm nicht losgelöst von anderen Wissensgebieten und anderen Funktionen seiner Tätigkeit als Gelehrter; der Mathematiker war in ihm untrennbar mit dem Theologen und dem Philologen verbunden. Mit der ihm eigenen Schnelligkeit und Beweglichkeit des Denkens wechselte er von einem Gebiet zum anderen und entnahm von überall her – oft auf für den Leser höchst unerwartete Weise – Daten zur Verdeutlichung und Begründung seiner Thesen. In seinen theologischen Überlegungen findet man nicht selten äußerst charakteristische Vergleiche und Beispiele aus dem Bereich der Mathematik. In den oben erwähnten „Thesen zum Filioque“ beispielsweise erläutert er, wenn er den Unterschied zwischen Dogma und theologischer Meinung darlegt, diesen durch den Vergleich des Ersteren (des Dogmas) mit dem in der Mathematik genau berechneten Wert bekannter Größen, der für praktische Zwecke völlig ausreicht, – des Letzteren (der theologischen Meinung) mit Ausdruck jener gleichen Größen in Formeln, die mehr oder weniger den Anforderungen der ästhetischen Betrachtung genügen sollen. Als Beispiele werden einerseits der numerische Wert der Zahl π und andererseits die von Wallis, Leibniz und Machin gefundenen Formeln zur Darstellung dieser Zahl angeführt; ebenso die tatsächliche, genau bestimmte Entfernung der Planeten von der Sonne – und die sogenannten Reihen von Titius und Bormann. Oder ebenda werden beispielsweise die Operationen des logischen, den Gesetzen von Raum und Zeit unterworfenen Denkens in der Theologie in Bezug auf das überräumliche und überzeitliche Absolute sowie die damit einhergehende Anerkennung ihrer Relativität und Unangemessenheit gegenüber dem Gegenstand – werden auf ganz eigentümliche Weise mit den Operationen eines Mathematikers bei der logarithmischen Berechnung über den positiven Mantissenteil einer nicht ganzzahligen Zahl verglichen, dem dann erst als Korrektiv der negative Exponent zugewiesen wird. Manchmal werden zur Erläuterung der einen oder anderen Aussage Formeln eingeführt oder die Schlussfolgerungen der Untersuchung in Form von Formeln ausgedrückt.
Abgesehen von der direkten Anwendung, die die Methoden der mathematischen Berechnung in bekannten Fällen finden konnten – in der Chronologie, Geographie und Metrologie –, musste sich die mathematische Ausrichtung des Geistes von Wassili Wassiljewitsch natürlich allgemein in einem Streben nach mathematischer Klarheit und Genauigkeit auch in Bezug auf andere Wissensgebiete widerspiegeln. Sein mathematischer Verstand duldete in der Tat auch in der Theologie nichts, was absichtlich unklar oder ungenau war.
VI.
Eine fundierte theologische Ausbildung, umfassende philologische Gelehrsamkeit, eine genaue Vertrautheit mit den Methoden der exakten Forschung selbst im Bereich der Naturwissenschaften sowie das Bestreben, dieselbe Genauigkeit auch in andere Bereiche einzubringen, scheinen bereits die Voraussetzung für eine umfassende historische Untersuchung und ein tiefes und zutreffendes Verständnis des vergangenen Lebens der Kirche zu sein. Wir sehen einen Gelehrten, der in allen dem menschlichen Verstand zugänglichen Wissensgebieten kompetent ist und von überall her das für seine speziellen Ziele Notwendige entnehmen kann. Und doch erschöpft sich die Charakterisierung von Wassili Wassiljewitsch hinsichtlich seiner wissenschaftlichen Tätigkeit gerade als Historiker mit all den genannten Merkmalen noch nicht.
In den Unterlagen von Wassili Wassiljewitsch ist der von ihm in Kurzform verfasste Anfang der ersten Vorlesung erhalten geblieben, die er 1898 hielt und die in den Mitschriften seiner Zuhörer mehr oder weniger ausführlich wiedergegeben wurde, mit für ihn sehr charakteristischen Aussagen.
„Die Wissenschaft ist in ihrer höchsten Entfaltung“, heißt es dort, „manchmal in der Lage, Ergebnisse zu liefern, die auf den ersten Blick sehr seltsam erscheinen.“ Zur Erläuterung nehme ich ein Beispiel aus dem Bereich der physikalisch-mathematischen Wissenschaften. Im Jahr 1895 führten zwei Professoren, der Engländer Cheneau und der Russe Mendelejew, einen Vergleich zweier Maßeinheiten durch: der russischen Halbsažen und des englischen Yards. „Für den einfachen Verstand mag diese Arbeit unkompliziert und unbedeutend erscheinen; doch die berühmten Wissenschaftler arbeiteten ganze drei Tage daran, und das ist nicht verwunderlich: Sie führten 22 Vergleichsserien durch, das sind 880 mikrometrische Beobachtungen und 132 Thermometerablesungen. Eine solche Arbeit erforderte einen enormen Aufwand.“
„Ich möchte jedoch nicht den Arbeitsprozess selbst, sondern dessen Ergebnis hervorheben. Zum Abschluss der Arbeit wurde ein Protokoll erstellt, dessen letzte Worte wie folgt lauteten: „Da die Frage nach der Übereinstimmung der Normaltemperatur von 62 °F und 16,667 °C auf der 100-Grad-Skala des Wasserstoffthermometers derzeit nicht als endgültig geklärt angesehen werden kann, betrachten wir den vorliegenden Bericht in dieser Hinsicht als vorläufig (provisional) an.“ Aus Sicht der elementaren Physik ist eine solche Frage nach der Übereinstimmung der genannten Temperaturen zweifelsfrei, doch aus Sicht erstklassiger Wissenschaftler sehen wir hier etwas Unbeweisbares.“
„So nimmt auf der höchsten Stufe der Wissenschaft das Ergebnis der wissenschaftlichen Arbeiten erstklassiger Wissenschaftler die Form eines hochwissenschaftlichen „Wir wissen es nicht“ an, das unvergleichlich wertvoller ist als das gewöhnliche wissenschaftliche „Wir wissen es“, „wie allgemein bekannt ist“. Die Wissenschaft kann solche „ignoramus“ als ihren Stolz, als ihre Zierde betrachten. Sie zeigen, wie hoch die Anforderungen sind, die eine solche Wissenschaft an sich selbst stellt und die nichts Unbewiesenes duldet.“
„Aber kann sich, so fragt man weiter, die Geschichte – sei es nun die kirchliche oder die weltliche – ebenso hohe Anforderungen stellen und sich selbst einen ebenso vollständigen Verzicht auf alles Unbewiesene auferlegen? Sie verstehen, dass die Antwort nur negativ ausfallen kann. Folglich ist die Geschichte keine Wissenschaft, und wenn sie als Wissenschaft bezeichnet wird, dann – wenn man so sagen darf – honoris causa oder, um es mit den Worten des oben zitierten Berichts auszudrücken, nur vorläufig.“
Da er somit nicht anerkennt, dass die Geschichte eine Wissenschaft im strengen Sinne ist, neigt Wassili Wassiljewitsch entschieden zu der Ansicht, dass sie eigentlich eine Kunst sei. Diese letzte Ansicht deutet, wenn sie geäußert wird, nicht darauf hin, dass die Geschichte eine Kunst im Sinne der Erfüllung künstlerischer Anforderungen durch den Historiker bei der literarischen Darstellung seiner Forschungsergebnisse sein müsse. Die Tätigkeit des Historikers ist bereits in ihren ursprünglichsten und wesentlichsten Funktionen eine Kunst, wenn er mal aus mitunter äußerst unzureichenden Daten etwas Zusammenhängendes und Ganzes rekonstruieren muss, mal (in der neueren Geschichte) aus reichhaltigem Material das Wichtigste und Markanteste auswählen muss, damit das von ihm dargestellte Bild des vergangenen Lebens lebendig und wahrheitsgetreu wird. Für Wassili Wassiljewitsch ist die Neigung zu dieser Ansicht gerade deshalb besonders charakteristisch, weil sie bei ihm aus dem klar bewussten und von ihm auch an die Geschichte gestellten Anspruch auf die Genauigkeit der mathematischen Wissenschaften hervorgeht.
Vielleicht ist eine solche Forderung allzu hoch gesteckt und entzieht nicht nur der Geschichte allein das Recht auf den Namen „Wissenschaft“. Aber auf jeden Fall wird auch das weitaus Geringere, was in der Geschichte tatsächlich erreichbar ist – nämlich die genaue, lebendige und anschauliche Darstellung der vergangenen Wirklichkeit –, erreicht, wenn der Historiker mit dem Wissen und den wissenschaftlichen Methoden eines Gelehrten in gewissem Sinne noch mehr oder weniger die schöpferische Kunst eines Künstlers verbindet.
Inwieweit Wassili Wassiljewitsch, der oben als Wissenschaftler dargestellt wurde, auch dieser letzten, zweifellos schwierigsten und am wenigsten vom Willen des Historikers abhängigen Anforderung gerecht wird, belegen seine Vorlesungen eindeutig. Indem er für die Kirchengeschichte der Antike eine – wie er es ausdrückte – bescheidene Aufgabe formulierte, die vom Zustand der Quellen abhängt, nämlich „die Verbindung zwischen den unmittelbar aufeinanderfolgenden Ereignissen herzustellen, ohne sich zum Ziel zu setzen, aus den Gliedern dieser Ereignisse ein geordnetes Ganzes wiederherzustellen“, konnte er, stets auf streng wissenschaftlicher Grundlage stehend, lebendige und anschauliche, fast schon kunstvolle Bilder des antiken kirchlichen Lebens zeichnen. Seine Fähigkeit, sich in die Sphären der Abstraktion zu erheben, nahm ihm keineswegs die Lebendigkeit und Beweglichkeit seiner Vorstellungskraft, ebenso wenig wie seine unermessliche Fülle an Faktenwissen ihn in irgendeiner Weise einschränkte; er fühlte sich darin voll und ganz zu Hause und konnte mühelos alle notwendigen Merkmale für eine konkrete Darstellung des beschriebenen Gegenstands finden.
Es ist bekannt, dass Wassili Wassiljewitsch, obwohl er in seinen Ansprüchen an die Geschichtswissenschaft so streng war, historischen Romanen dennoch nicht ablehnend gegenüberstand, sofern sie von sachkundigen Menschen verfasst wurden. „Diese Gattung literarischer Werke könnte“, so seine Worte, „eine gute Prüfung für fundierte Wissenschaftler darstellen. Erfordert wird die Kenntnis einer Fülle solcher alltäglicher Details, die in anderen historischen Untersuchungen keine Anwendung finden. Deshalb hätte Mommsen unter den zeitgenössischen Gelehrten ohne Weiteres einen Roman über die römische Geschichte schreiben können, während die meisten Gelehrten in diesem Fall passen müssten.“ Man könnte meinen, dass auch Wassili Wassiljewitsch dies auf dem betreffenden Gebiet mit glänzendem Erfolg getan hätte, wenn nur die äußerste Strenge der wissenschaftlichen Anforderungen an sich selbst es ihm ermöglicht hätte, in seine Darstellung Fiktion in dem Maße einzuflechten, wie es für den Roman erforderlich ist.
Die äußere Darstellungsweise von Wassili Wassiljewitsch, seine Sprache und sein Stil, zeichnen sich durch unnachahmliche Ausdruckskraft und Treffsicherheit aus – ganz gleich, ob er über hohe Themen der Theologie oder über unbedeutende Details des Alltags und alltägliche Ereignisse spricht. Er war auch ein Meister des Wortes.
In seinen gedruckten Artikeln, die lediglich dazu bestimmt waren, Neues zu vermitteln, und daher stets eine wissenschaftliche Begründung sowie einen umfangreichen wissenschaftlichen Apparat für eine ganzheitliche Darstellung der Ereignisse erforderten, konnte verständlicherweise nicht viel Platz sein, obwohl man auch in ihnen zeitweise zusammenhängende Skizzen findet, die den Leser, wie der Autor es ausdrückt, sozusagen entschädigen sollen für die Trockenheit und die ermüdenden Einzelheiten der Forschung, die zu neuen Ergebnissen führen.
Doch die Hand des Künstlers – und nicht die eines bloßen Handwerkers der Wissenschaft – muss sich natürlich auch in der Aufbereitung dieser trockenen und ermüdenden Einzelheiten widerspiegeln, die eigentlich nur das Material darstellen, aus dem ein mehr oder weniger ganzheitliches und geordnetes Gebäude der Geschichte errichtet werden kann. In der Mathematik spricht man von eleganten Formeln, von eleganten Beweisverfahren, die entdeckt und neben anderen Formeln und Verfahren angewendet werden, die im Wesentlichen und in ihren Endergebnissen ebenso genau, in ihrer Form jedoch weniger vollendet und in der Anwendung weniger zweckmäßig sind. Eine solche elegante, sozusagen kreativ-künstlerische Art der Erarbeitung von Themen, die offenbar nichts mit Kunst im eigentlichen Sinne zu tun hat, ist nicht nur in der Mathematik, sondern auch in anderen Wissensgebieten möglich. Ein Beispiel dafür liefert Wassili Wassiljewitsch in seinem Fachgebiet. Seine Forschungsmethoden, angewandt auf verschiedene Fragestellungen, sind vorbildlich, sodass seine Arbeiten bereits allein aufgrund dieser formalen Seite von Interesse sind, ganz abgesehen von dem einen oder anderen positiven inhaltlichen Aspekt.
* * *
So sieht in groben Zügen das Bild eines Wissenschaftlers aus, der an der Grenze zwischen dem bereits Erforschten und dem noch für die Wissenschaft Unbekannten steht, der es sich zum Ziel seiner Tätigkeit gesetzt hatte, das Bekannte nicht zu wiederholen, sondern stets nach der Entdeckung des Unbekannten zu streben, und diesem Grundsatz stets treu blieb – dem die Tiefen theologischer Spekulation und die Höhen metaphysischer Abstraktion zugänglich waren – der Texte in Sprachen lesen konnte, die den meisten seiner europäischen Kollegen seines Fachgebiets fremd waren, – der, wo es nötig war, weder vor mathematischen Formeln noch vor Zahlen zurückschreckte und sogar die mathematische Genauigkeit im eigentlichen Sinne zum Ideal seiner Wissenschaft erhob, – der schließlich, da er als Historiker über alle wissenschaftlichen Mittel zur Erreichung seiner Ziele verfügte, zudem in hohem Maße mit der Gabe einer in ihrer Art künstlerischen Schaffenskraft auf dem Gebiet seiner Wissenschaft ausgestattet war.
So wie zu seinen Lebzeiten – je näher die Möglichkeit war, ihn kennenzulernen, desto mehr verblüffte er durch seine Begabungen und Kenntnisse –, so wächst auch jetzt, je näher und aufmerksamer wir das geistige Bild dieses erstaunlichen Gelehrten betrachten, desto stärker wächst das von ihm hervorgerufene Staunen, und desto klarer und fester wird die Überzeugung, dass ihm nicht umsonst und ohne Übertreibung der Ruhm einer fast genialen Gelehrsamkeit zuteilwurde, dass er alles in sich vereinte, was man nur als notwendig anerkennen kann, um die Erforschung seines Fachgebiets bis zur fast idealen Vollkommenheit voranzutreiben.
VII.
Die Bedeutung einer Persönlichkeit lässt sich durch den Vergleich mit anderen Persönlichkeiten desselben Fachgebiets ermitteln. Es erscheint jedoch ziemlich schwierig, einen genauen Vergleich zwischen Wassili Wassiljewitsch als Wissenschaftler und anderen Wissenschaftlern anzustellen, nicht nur unter den russischen, sondern auch unter den europäischen: Er stellt ein so einzigartiges Phänomen dar und weist als Wissenschaftler so viele Eigenschaften auf, die wir bei anderen, die auf demselben oder einem angrenzenden wissenschaftlichen Gebiet tätig sind, nicht finden.
Die russische Wissenschaft, insbesondere die theologische, ist noch zu jung, als dass man in ihrer Vergangenheit viele herausragende Persönlichkeiten finden könnte. Im vorliegenden Fall, in dem es um W. W. Bolotow geht, scheinen vor allem zwei Koryphäen unter den Vertretern der theologischen Gelehrsamkeit früherer Zeiten die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen: der Erzpriester G. P. Pawski (1787–1863), Professor an der St. Petersburger Akademie, und der Erzpriester A. W. Gorski, Professor und später Rektor der Moskauer Akademie (1812–1875). Der erste, Professor für Hebräisch und allgemein Philologe, fällt gerade durch diesen philologischen Aspekt seiner Tätigkeit auf. Der zweite, Professor (zunächst) für Kirchengeschichte und Historiker aus Berufung, war – abgesehen von dem größten moralischen Einfluss, den er durch seine Persönlichkeit als Gelehrter auf seine Mitmenschen ausübte – eigentlich der erste russische Vertreter der Wissenschaft der allgemeinen Kirchengeschichte.
Es wäre ungerecht und stünde im Widerspruch zur Pflicht eines Historikers, die tatsächliche Bedeutung dieser Persönlichkeiten in der Geschichte der russischen Wissenschaft auch nur im Geringsten herabzusetzen. Man kann anerkennen, dass sie, wären sie im Westen geboren worden, hätten sie in einem anderen Umfeld und unter anderen Bedingungen gelebt und gewirkt, als Wissenschaftler einen Platz neben den erstklassigen europäischen Gelehrten hätten einnehmen können. Allerdings scheint es kaum möglich und auch nicht angebracht, sie als Wissenschaftler mit den Koryphäen der westlichen Gelehrsamkeit zu vergleichen, ohne dabei ihr unmittelbares Umfeld zu berücksichtigen – jenes Niveau der spezifisch russischen Wissenschaft, das sie anzuheben suchten, indem sie manchmal bereits im Westen Bekanntes wiederholten und in einem neuen Bereich anwendeten.
Wassili Wassiljewitsch hatte sich, wie bereits erwähnt, zum Ziel gesetzt, nachdem er das höchste Niveau der gesamteuropäischen Wissenschaft erreicht hatte, genau dieses Niveau weiter anzuheben. Er wollte, wie er es ausdrückte, stets „quâ par est reuerentia“ mit den höchsten Autoritäten der europäischen Gelehrsamkeit auf Augenhöhe sprechen und stets nur mit wissenschaftlich zweifellos neuen Ergebnissen auftreten. Damit reihte er sich direkt in die Riege der europäischen Wissenschaftler höchsten Ranges ein.
Doch auch der Vergleich mit westlichen Wissenschaftlern stellt eine Herausforderung dar. Die von Wassili Wassiljewitsch am meisten geschätzten Autoritäten der westlichen Wissenschaft waren Paul de Lagarde (1827–1891) und Alfred von Gutschmid (1831–1887). De Lagarde – Professor für orientalische Sprachen an der Universität Göttingen – war einer der größten Universalgelehrten des 19. Jahrhunderts, ein Sprachwissenschaftler, der sich, wie er selbst sagte, schon als Jugendlicher schämte, etwas in Übersetzung statt in der Originalsprache zu lesen, und der später Texte in vierzehn Sprachen veröffentlichte. Gutschmid – Professor für antike Stadtgeschichte in Tübingen (seit 1877), ein vielseitiger Gelehrter, – der sich in seiner Jugend der Wissenschaft mit der naiven, für ihn charakteristischen Überzeugung zuwandte, dass es im Grunde keine Fragen gebe, die für einen angemessen gerüsteten Forscher unlösbar seien –, ein Spezialist für Chronologie und Orientalist, gerade in dem Maße, wie es für seine Zwecke nötig war, um niemals dem Vorwurf eines unzureichenden Verständnisses der für ihn notwendigen Sprachen ausgesetzt zu sein. Doch beide Wissenschaftler sind keine Kirchenhistoriker, und nur zeitweise machen sie Exkurse in den Bereich der kirchengeschichtlichen Forschung. Solche Exkurse stellen nur einen Aspekt ihrer ansonsten anders ausgerichteten gemeinsamen Tätigkeit dar. Gutschmid war dabei keineswegs Theologe. De Lagarde bezeichnete sich selbst als Theologe, leistete der Theologie durch seine Arbeiten zur Textkritik der Heiligen Schrift unschätzbare Dienste und hatte insbesondere sehr weitreichende Pläne auch hinsichtlich der alten Kirchengeschichte, doch auch seine Tätigkeit war hauptsächlich nicht diesem Thema gewidmet.
Für Wassili Wassiljewitsch hingegen war – im Gegensatz zu diesen Gelehrten, mit denen er in bekannter Weise sowohl hinsichtlich seiner Kenntnisse als auch seiner Methoden eng verbunden war – die Kirchengeschichte der Mittelpunkt, der alle Aspekte seiner wissenschaftlichen Tätigkeit bestimmte und prägte. Wenn wir uns den Vertretern der kirchengeschichtlichen Wissenschaft im Westen zuwenden, finden wir eine Reihe von Namen, die allgemein bekannt sind. Dazu gehören in Deutschland die Namen Neander, Baur und Harnack – Begründer ganzer Schulen auf dem Gebiet der kirchlichen Geschichtsschreibung – sowie Gieseler und Gaze. Frankreich kann Abbé Duchesne vorweisen; in England lassen sich Namen wie beispielsweise Gatch und Lightfoot nennen. Zu den Namen dieser Koryphäen ließe sich eine lange Liste weiterer, weniger bekannter, aber in der einen oder anderen Hinsicht herausragender Persönlichkeiten von höchstem Rang hinzufügen.
Bei allen Verdiensten und Vorzügen der westeuropäischen Forscher auf dem Gebiet der Kirchengeschichte, bei der hohen Bedeutung ihrer Werke und der Notwendigkeit, auf sie zurückzugreifen für alle, die auf diesem Gebiet tätig sind, wäre es jedoch interessant, wenn jemand unter diesen Gelehrten ein Beispiel für eine ebenso umfassende und vielseitige Ausbildung für die kirchengeschichtliche Forschung anführen würde, wie sie Wassili Wassiljewitsch verkörpert – dieselbe Verbindung einer spezifisch theologischen Ausbildung mit den Kenntnissen und Neigungen eines Philologen, Linguisten und Mathematikers, die ganz und gar auf den Dienst an der Berufung des Kirchenhistorikers ausgerichtet sind, und daraus resultierend dieselbe Kompetenz bei der Lösung der unterschiedlichsten Fragen auf seinem Gebiet.
Das Streben nach Enzyklopädismus findet man natürlich auch bei zweitrangigen Gelehrten, doch geht es dabei in der Regel nicht über dilettantische Beschäftigungen hinaus.3 Nicht selten gibt es Beispiele für den Erwerb und die streng wissenschaftliche Anwendung von Fachkenntnissen in der kirchengeschichtlichen Forschung und in dem einen oder anderen Wissensgebiet. In solchen Fällen ist es jedoch üblich, dass sich zunächst fast die gesamte Aufmerksamkeit auf die Beherrschung des Werkzeugs (z. B. der orientalischen Sprachen) konzentriert und sich erst später die Fähigkeit entwickelt, damit in einer bestimmten Richtung zu arbeiten.
Wasilij Wassiljewitschs Enzyklopädismus hatte nicht den Charakter bloßen Dilettantismus. Philologische und mathematische Kenntnisse waren für ihn ein Mittel zum Erreichen des von ihm gesetzten Hauptziels. Nachdem er ihre Notwendigkeit in diesem Sinne einmal erkannt hatte, strebte er bis zum Ende seines ganz der Wissenschaft gewidmeten Lebens bewusst und unerschütterlich danach, sie zu erwerben und zu erweitern. Doch gleichzeitig ließ ihn die dafür aufgewendete Mühe nicht sein Hauptziel vergessen und lenkte ihn nicht davon ab; der Theologe und Kirchenhistoriker in seiner Person ging nicht im Philologen und Mathematiker unter, trotz seines ganzen Interesses an nicht-theologischen Fachgebieten.
* * *
Man muss jedenfalls darauf hinweisen, welch mächtiges Rüstzeug das enzyklopädische Wissen von Wassili Wassiljewitsch darstellte und wie viel Zeit und Mühe es auch für ihn gekostet haben muss, es sich anzueignen – eine Aufgabe, die für einen gewöhnlichen Gelehrten unüberwindbar wäre. Zwanzig Jahre sind in der Tat eine recht kurze Zeitspanne, um in dieser Zeit die Möglichkeit zu erlangen, mit einem solchen wissenschaftlichen Rüstzeug aufzutreten, wie sie Wassili Wassiljewitsch besitzt – insbesondere wenn man nicht aus den Augen verliert, dass das allgemeine Umfeld und die Bedingungen, unter denen ein Wissenschaftler in Russland arbeitet, im Vergleich zum Westen bei weitem nicht als günstig angesehen werden können.
„In anderen Ländern“, so schreibt W. S. Solowjew in diesem Zusammenhang im Nachruf auf Wassili Wassiljewitsch, – stellen die theologische und die kirchengeschichtliche Wissenschaft ein mächtiges, zusammenhängendes Ganzes dar, in dem jede geistige Kraft sowohl umfassende Stütze als auch einen umfassenden Rahmen für ihre Tätigkeit findet und, während sie ihre persönlichen Fähigkeiten frei entfaltet, diese zugleich ständig in den Dienst der gemeinsamen Sache stellt; dort gibt es eine lebendige und sich richtig entwickelnde Wissenschaft, die sich aus den Überlieferungen der Vergangenheit und der heutigen systematischen Arbeit zusammensetzt, und einzelne Wissenschaftler bringen sich im Rahmen ihrer Kräfte in diese gemeinsame Arbeit ein und beteiligen sich an diesem Wachstum des Ganzen. Bei uns und in anderen Wissenschaften, insbesondere aber in der theologisch-kirchlichen Wissenschaft, fehlt dieses Wachstum des Ganzen“…
Und wenn, wie es in demselben Nachruf heißt, „der Athlet der Wissenschaft etwa zwanzig Jahre lang sozusagen seine heldenhaften Kräfte an verschiedenen Teilfragen zu erproben, ohne sich jemals einer umfassenden Aufgabe zu widmen, die seiner hohen Begabung würdig gewesen wäre“, so sind zwanzig Jahre in der Tat auch im Schaffen westlicher Wissenschaftler, die unter günstigeren Bedingungen arbeiten – insbesondere jener unter ihnen, die den Ruhm erstklassiger Wissenschaftler erlangt haben –, bei weitem kein langer Zeitraum. Man kann zumindest auf die oben Erwähnten verweisen – ihr Leben und ihr wissenschaftliches Schaffen dauerten insgesamt um Jahrzehnte länger als das Leben und Schaffen von Wassili Wassiljewitsch. Man darf auch nicht außer Acht lassen, wie viel Zeit dieser Wissenschaftler, der für rein wissenschaftliche, eigenständige Arbeit geschaffen war, aufgrund von Umständen, die außerhalb seiner Kontrolle lagen, für Tätigkeiten aufwenden musste, die ihn von dieser Arbeit ablenkten – so fruchtbar diese Tätigkeiten an sich in anderer Hinsicht auch gewesen sein mögen.
Es ist schwer vorstellbar, was Wassili Wassiljewitsch der Wissenschaft gegeben hätte, wenn er noch 20 Jahre oder auch nur 10 Jahre gelebt hätte – wenn er mit dem Leuchtfeuer seines Wissens und seiner vollendeten Methode, seiner eigenen Initiative in seiner Tätigkeit überlassen und frei von anderen Beschäftigungen, von Anfang bis Ende das gesamte Gebiet der alten Kirchengeschichte durchlaufen und erforscht hätte, mit dem Ziel, dabei nur Neues und Unbekanntes zu entdecken und zu vermitteln.
Doch gerade als seine geistigen Kräfte und sein Wissen ihren höchsten Aufschwung erreichten und man nur noch auf die reichsten Früchte seiner phänomenalen Gelehrsamkeit und unermüdlichen Tätigkeit zu warten brauchte, entriss ihn der Tod und löste damit ein unaussprechlich bitteres Gefühl bei allen aus, die ihn nah gekannt hatten.
Nun bleibt uns nur noch sein strahlendes Bild, das sich auch in den von ihm hinterlassenen Werken widerspiegelt – ein Bild, das nicht nur für immer in der Geschichte der vergangenen Wissenschaft erhalten bleiben soll, sondern auch auf jenes Ideal hinweisen muss, nach dem sie in Zukunft streben wird.
* * *
Dieses Ideal, das Wassili Wassiljewitsch in seinem wissenschaftlichen Wirken hinterlassen hat, so lässt sich sagen, eine allgemeinere und umfassendere Bedeutung, als sie nur für ein spezielles Wissensgebiet und für diejenigen haben könnte, die sich mit dessen Erforschung beschäftigen. Was seine Kenntnisse und wissenschaftlichen Bestrebungen betrifft, vereinte Wassili Wassiljewitsch in seiner Person – wenn man dies im Hinblick auf die Aufteilung der speziellen Aufgaben der höheren geistlichen und weltlichen Bildung zwischen bestimmten Einrichtungen in Russland so ausdrücken darf – die Geistliche Akademie mit der Universität und stellte damit ein lebendiges und anschauliches Beispiel für die harmonische Verbindung der Theologie mit anderen, weltlichen Wissenschaften dar. Als Kirchenhistoriker und von Beruf Theologe war er nicht nur weit davon entfernt, die weltliche Gelehrsamkeit zu verachten, sondern bewies durch sein Handeln die Anerkennung ihrer hohen Bedeutung. Gleichzeitig sah er jedoch, obwohl er den weltlichen Wissenschaften mit Respekt und Interesse begegnete, sah er jedoch die höchste Aufgabe der weltlichen Wissenschaften darin, der Theologie als der höchsten Wissenschaft im System des menschlichen Wissens frei zu dienen, und er rief sie zu diesem Dienst auf. Dabei drängt sich unwillkürlich ein Vergleich auf, wenn man über Wassili Wassiljewitsch als Gelehrten, über seine Bestrebungen – unter anderem auch über seinen vorzeitigen Tod – spricht, – das geistige Bild und die Bestrebungen eines anderen, überaus bemerkenswerten Vertreters der russischen Wissenschaft der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der im wahrsten Sinne des Wortes ein Zeitgenosse von Wassili Wassiljewitsch war, nur ein Jahr vor ihm geboren wurde und ebenfalls vorzeitig, einige Monate später, verstarb4, der es jedoch noch geschafft hatte, Wassili Wassiljewitsch mit einem kurzen Nachruf zu ehren, aus dem oben bereits zitiert wurde – das Bild eines ebenso engagierten Verfechters der Wissenschaft wie Wassili Wassiljewitsch, des Philosophen Wladimir Sergejewitsch Solowjow. Als Philosoph war W. Solowjew gerade ein Verfechter des Ideals des ganzheitlichen Wissens als umfassende Synthese aus Theologie, Philosophie und positiver Wissenschaft, wobei die Theologie den Gipfel und den Mittelpunkt bildet, in dem das Wissen seinen absoluten Inhalt und sein höchstes Ziel erhält.
Als Philosoph erhebt sich W. S. Solowjew vom Verstand zum Glauben, gelangt von der weltlichen Wissenschaft zur Theologie. Dem entsprach bis zu einem gewissen Grade auch der äußere Verlauf seines Bildungsweges: Von der Universität, wo er Vorlesungen an den Fakultäten für Physik und Mathematik sowie für Geschichte und Philologie besuchte, wechselte er an die Akademie, wo er Vorlesungen in Philosophie und Theologie belegte. W. W. Bolotow ist ein Theologe, der einen positiv-religiösen Standpunkt vertritt und sozusagen von der Theologie aus zu anderen, weltlichen Wissenschaften gelangt, um diese in den Dienst der Theologie zu stellen. Der philosophische Geist Solowjows lässt ihn vorwiegend im Bereich der Ideen schweben, obwohl er auch eine äußerst umfassende Vertrautheit mit der faktischen Wirklichkeit offenbart. Der positive Geist von Wassili Wassiljewitsch zwingt ihn, sich überall streng an den faktischen Boden zu halten, obwohl ihm auch der Bereich der Ideen durchaus zugänglich ist.
Man könnte noch weitere Parallelen ziehen. Solowjow als Denker lässt sich hinsichtlich der Erhabenheit, Vielseitigkeit und Originalität seines Geistes mit Origenes vergleichen, wobei man auch die Eigenart der Ansichten des einen wie des anderen in einigen Punkten aus orthodoxer Sicht im Blick hat. Man kann auch Wassili Wassiljewitsch, der sich speziell mit dem Studium des Origenes befasste, gerade wegen seiner breit gefächerten Tätigkeit und seiner Interessen als positiven Theologen mit Origenes, dem großen Theologen und Universalgelehrten der Antike, vergleichen, mit dem einzigen Unterschied, dass er dem orthodoxen Glauben streng treu blieb. Bezeichnend ist dabei insbesondere, dass Solowjow – ein Philosoph und somit ein Verfechter der Gedankenfreiheit – sich, als er sich der Religion zuwandte, nach einer äußeren, sichtbaren Autorität umsehen musste und diese zumindest für eine gewisse Zeit im Papsttum fand. Wassili Wassiljewitsch – ein Theologe auf der positiven Grundlage der äußeren Offenbarung, der von faktischen Grundlagen ausging – wandte sich mit besonderer Vehemenz gegen das Papsttum als Feind der orthodoxen Kirche und zugleich des freien Denkens.
Doch die Grundlage für alle derartigen Parallelen zwischen dem herausragendsten russischen Philosophen und dem herausragendsten russischen Theologen des späten 19. Jahrhunderts liegt vor allem darin, dass beide – trotz unterschiedlicher Denkweisen und ganz spezifischer Standpunkte – gleichermaßen danach streben, jeder auf seinem Gebiet, nach umfassendem und vielseitigem Wissen, und für jeden steht die Theologie im Mittelpunkt. Der eine – Philosoph – gelangt zu ihm, der andere – Der Theologe – geht von ihm aus, um für seine Ziele alles zu nutzen, was möglich ist. Der erste erläutert in Bezug auf die Philosophie und die positiven Wissenschaften, dass sie außerhalb ihrer Beziehung zur Theologie ihres eigentlichen Sinnes und ihrer Bedeutung beraubt sind und keine wahre Zielsetzung für sich selbst haben. Das zweite zeigt durch das Beispiel seiner Tätigkeit, wie wichtig und notwendig andererseits die weltlichen Wissenschaften als Mittel für die Theologie selbst sind und wie nützlich es für einen Theologen ist, sich bei der heute entwickelten und ihrem Wesen nach notwendigen Spezialisierung der Wissenschaften nicht ausschließlich auf das Gebiet seines eigenen Faches zu beschränken, sondern auch mit anderen, scheinbar sogar weit von der Theologie entfernten Wissensgebieten vertraut zu sein.
Was das Ausmaß ihres Strebens nach der Erkenntnis der Wahrheit auf dem einen oder anderen Weg betrifft, das sie buchstäblich dazu brachte, alles Irdische zu vergessen, so sind beide ein Beispiel, das beredter ist als alle Worte.
Anmerkungen
- Vgl. „Tserkovnyj Vestnik“ 1900, Nr. 16 (auch in einer gesonderten Ausgabe: „Ein Kranz auf das Grab von Prof. W. W. Bolotow“) und dort den Nachruf von Prof. P. N. Schukowitsch. Aus anderen Nachrufen vgl. insbesondere: „Tverskije Eparch. Vedomosti“ Nr. 11; „Vestnik Evropy“, Juli, S. 416–418 (von V. S. Solowjow); Zeitschrift des Ministeriums für Volksbildung, Oktober, S. 81–101 (von V. L. Turaew); „Byzantinisches Jahrbuch“, S. 614–620 (von B. M. Melioranski). Eine biografische Skizze wurde von M. Rubzov herausgegeben: „V. V. Bolotow“. Twer, 1900. – Die vorliegende Skizze entstand aus Vorlesungen zum Gedenken an Wassili Wassiljewitsch, die zu Beginn des Kurses zur allgemeinen Kirchengeschichte im Jahr 1900 gehalten wurden. ↩︎
- – im Sinne von: philosophische, spekulative Konstruktion (veraltet, literarisch) – Anm. des Herausgebers ↩︎
- – Prof. A. I. Lebedew weist in seiner „Kirchengeschichtsschreibung“ (Moskau 1898, S. 517) im Zusammenhang mit W. W. Bolotow auf dessen Ähnlichkeit hinsichtlich seiner „linguistischen Neigungen“ mit dem Erlanger Professor für Kirchengeschichte Engelhardt (1791–1855) hin, der bis zu 16 Sprachen beherrschte und sich generell durch das Streben nach einer enzyklopädischen Bildung auszeichnete (Vertrautheit mit Literatur, Poesie, Kunst – vgl. S. 436). Doch obwohl Engelhardt als Gelehrter allgemein hoch angesehen ist, gehört er nicht zu den herausragenden Persönlichkeiten der Wissenschaftsgeschichte. Aus seinem Kurs zur Kirchengeschichte (1832–1834) und anderen Schriften geht keineswegs hervor, dass er ein Orientalist war und seine sprachwissenschaftlichen Kenntnisse für historische Zwecke in großem Umfang nutzte. Auf sein Streben nach einer universellen Bildung weist der Verfasser einer biografischen Skizze über ihn hin (in der Real-Encyclopëdie für protest. Theologie und Kirche, IV² 228–230; V (3) 372–374), Herzog, dessen Charakterisierung auch von A. P. Lebedew (436) wiedergegeben wird, lediglich, dass es „der Gründlichkeit seiner historischen Forschungen keinen Abbruch tat“; dort wird unter anderem auch auf das Fehlen „der Gabe einer lebendigen und scharfsinnigen Aufarbeitung des wissenschaftlichen Materials und dessen durchdringender Erfassung durch den eigenen Verstand“ hingewiesen (was zum Teil mit dem allzu weit getriebenen Streben nach Objektivität zusammenhing). Vielmehr hätte man Wassili Wassiljewitsch hinsichtlich seiner sprachwissenschaftlichen Kenntnisse – abgesehen von seinem Lehrer Paul de Lagarde, einem Orientalisten von Beruf und Theologen aus Berufung – vielleicht mit dem englischen Theologen Lightfoot vergleichen können. ↩︎
- – V. V. Bolotow, geboren am 1. Januar 1854 – gestorben am 5. April 1900; V. S. Solowjow, geboren am 16. Januar 1853 – gestorben am 31. Juli 1900. ↩︎